»Prediger und Katechet« ist die älteste und auflagenstärkste Predigtzeitschrift im deutschsprachigen Raum.
Sie bietet homiletisch qualifizierte Hilfen für alle in der Verkündigung Stehenden: Priester, Pastorale Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, mit diesem Dienst beauftragte Laien.
Unsere aktuelle Ausgabe 4/2026
mit folgenden Beiträgen:
Wort an die Leser
Stefan Walser
Liebe Leserinnen, liebe Leser!
»Weltwahrnehmungen« ist das diesjährige Jahresthema im puk. Auch und gerade wenn die Wahrnehmung der Welt »da draußen« bisweilen frustrierend, unverständlich und hochkomplex erscheint, ist es ein Gebot der Zeit, sich als Christin und Christ, als Prediger und Predigerin zumal, nicht allein nach innen zu wenden, sondern den christlichen Balanceakt zu üben: in der Welt – aber auch nicht gänzlich von den Vorgängen dieser Welt eingenommen und absorbiert. Nur aus dieser Balance von Realitätsnähe und kritischer Distanz erwächst die heilsame Veränderung und Reich-Gottes-Hoffnung für diese Welt, von der Jesus selbst predigt. Der alte homiletische Leitsatz, dass für die Predigtvorbereitung neben der Heilige Schrift auch die Tageszeitung eine unerlässliche Lektüre sei (oder heute Newsticker und eJournals) gilt hier wohl unverändert.
Wir kommen heute mit ganz verschiedenen Leben im Gepäck hierher. Mit Terminen im Kopf, mit Sorgen um Menschen, für die wir Verantwortung tragen. Manche sind müde, weil sie viel geben, andere weil sie lange stark sein mussten. Und manche fragen sich vielleicht leise, was der Glaube mit all dem eigentlich zu tun hat.
Das Evangelium beginnt heute nicht mit Antworten, sondern indem es den Blick Jesu schildert. Jesus sieht die Menschen. Nicht flüchtig, nicht aus der Distanz. Er sieht sie müde und erschöpft, wie Schafe ohne Hirten. Das ist kein romantisches Bild. Es beschreibt eine Erfahrung, die auch heute viele kennen: Wenn Entscheidungen anstehen und niemand sie wirklich mitträgt oder wenn Erwartungen da sind, aber kein Halt zu finden ist. Wenn man funktioniert, aber innerlich leer wird.
I. Eine befreiende Botschaft in bedrängter Zeit (Mt 10,26–33)
Im Neuen Testament begegnet uns immer wieder die befreiende Botschaft Jesu: »Fürchtet euch nicht!« Und doch fällt sie heute auf einen Boden, der von Angst durchzogen ist. Wir leben in einer Zeit globaler Verunsicherung: Kriege und Gewalt prägen ganze Regionen, demokratische Grundwerte geraten unter Druck, wirtschaftliche Existenzängste wachsen, und viele Menschen sind durch permanente Krisenmeldungen einer subtilen, aber dauerhaften Erschöpfung ausgesetzt. Hinzu kommt eine gesellschaftliche Atmosphäre, in der Ausgrenzung, Polarisierung und Verachtung wieder salonfähig werden. Gerade in diesem Kontext gewinnt Jesu Wort eine existenzielle Tiefe: »Fürchtet euch nicht vor den Menschen.« Das ist kein naiver Optimismus, keine spirituelle Flucht vor der Realität. Es ist eine heilvolle Zumutung. Jesus verheißt hier kein angstfreies Leben – wohl aber eine Freiheit, die tiefer reicht als jede Bedrohung. Denn Angst macht klein. Sie verengt den Blick, lähmt das Herz und raubt die Sprache. Sie führt dazu, dass Menschen verstummen, sich anpassen und sich zurückziehen. Jesu Wort dagegen öffnet einen Raum innerer Freiheit. Diese Zusage »Fürchtet euch nicht« ist heilend und befreiend gerade in unsicheren Zeiten. Sie befreit nicht von Konflikten, wohl aber von der Macht der Angst. Sie schenkt keine äußere Sicherheit, wohl aber Geborgenheit im Innersten. Wer sich von Gott getragen weiß, muss sich nicht von der Furcht regieren lassen: Gott traut uns zu, aufrecht zu leben – auch in einer verletzlichen Welt.